Die kuriosesten Weingüter der Welt – und was die Rioja ihnen entgegensetzt
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| Die Rioja hat ihre eigene Art von Eigensinn. Hier bin ich in den heiligen Räumen von Heras Cordon |
Wenn ich mit Leuten aus Fuenmayor oder Haro über ihre Bodegas spreche, geht es fast nie um Mondphasen oder Gregorianik im Keller. Es geht um Boden, Höhenlage, Fasstyp, Jahrgang – nüchterne Handwerksfragen. Und trotzdem lohnt sich der Blick über den Tellerrand: Es gibt weltweit Weingüter, die einen völlig anderen Weg gehen als die Rioja. Manche davon wirken auf den ersten Blick abwegig. Auf den zweiten erkennt man, worin sich die Rioja-Tradition eigentlich unterscheidet.
Die wilde Seite Neuseelands: Man O’ War
Auf Waiheke Island, nur eine Fähre von Auckland entfernt, liegt Man O’ War. Die Lage allein ist schon ungewöhnlich: 75 Parzellen verteilen sich auf grüne Hügel, der Verkostungsraum liegt direkt am Sand der Bucht. Du sitzt auf übergroßen Sitzsäcken, trinkst einen Valhalla Chardonnay und schaust dabei aufs Meer.
Das Kurioseste aber ist der Forest Flight: eine Doppel-Zipline, die dich über 900 Meter alten Kauri-Wald fliegen lässt. In der Rioja gibt es solche Attraktionen nicht – dort läuft man zwischen den Parzellen zu Fuß, oft mit dem Winzer selbst, der einem erklärt, warum ausgerechnet dieser Hang für Tempranillo taugt und der daneben nicht.
Reifung mit Gregorianik: Montes in Chile
Die Viña Montes im Colchagua-Tal hat einen besonderen Keller. 800 Eichenfässer, halbrund angeordnet, werden rund um die Uhr mit gregorianischen Gesängen beschallt. Die Gründer Aurelio Montes und Douglas Murray gehen davon aus, dass die sanften Vibrationen der Gesänge die Reifung positiv beeinflussen. Das Weingut wurde zusätzlich nach Feng-Shui-Prinzipien gestaltet.
Bei Heras Cordón hört man in den Kellern nichts dergleichen – dort verlässt man sich auf amerikanische und französische Eiche, Zeit und die relative Kühle der Rioja Alta. Ob Gesang wirklich etwas bewirkt, lässt sich schwer belegen. Aber die Idee dahinter – dass Reifung mehr ist als reine Chemie – findet man in der Rioja durchaus wieder, nur eben ohne Lautsprecher: in der Sorgfalt, mit der ein Bodeguero jedes Fass einzeln probiert, statt sich auf Messwerte zu verlassen.
Geologie trifft Astronomie: Vik in Chile
Ebenfalls in Chile, im Millahue-Tal, geht die Bodega Vik noch einen Schritt weiter. Der Stonevik entsteht nach einem Verfahren, an dem Geologen und Astronomen beteiligt sind: Der Wein fermentiert in getoasteten Eichenfässern für die Dauer eines Mondzyklus und reift danach in Amphoren aus Lehm des eigenen Anwesens, platziert nach Empfehlung eines Astronomen auf einer geologischen Verwerfung.
Die Rioja hat ihre eigene Geologie-Geschichte, nur pragmatischer: Kalkstein in der Rioja Alavesa, Ton und Alluvialböden in der Baja, Eisenhaltiges in der Alta. Kein Astronom war je nötig, um zu wissen, wo welche Traube am besten reift – das Wissen liegt in Generationen von Anbauversuchen, nicht in Sternkarten.
Gehütetes Geheimnis mit grünen Walnüssen: Château Héritage
Im Bekaa-Tal im Libanon liegt Château Héritage. Hier hütet die Familie Touma seit Generationen ein Rezept: Die Vinoix-Cuvée ist ein Dessertwein aus Muscat-Trauben, die mit unreifen Walnüssen mazeriert und anschließend mit Arak verstärkt werden.
Ein Pendant dazu findet man in der Rioja nicht direkt, aber die Region hat mit Blanca Flor von Heras Cordón einen eigenen Weißwein, der zeigt, dass man dort keineswegs nur auf Tempranillo setzt. Anders als die libanesische Cuvée bleibt er im Charakter zurückhaltender – frisch, unaufgeregt, ohne exotische Zutaten. Zwei völlig verschiedene Antworten auf dieselbe Frage: Was macht ein Weingut aus, das sich von der breiten Masse abheben will?
Exklusiv im Himalaya: Bhutan Wine Company
Auf 2.788 Metern Höhe arbeitet die Bhutan Wine Company in einem der höchstgelegenen Weingärten der Welt. Um die Reife zu fördern, legt man Steine über die Wurzeln, die tagsüber Wärme speichern. Die erste Flasche erzielte 2025 einen Auktionspreis von knapp 19.000 Dollar – ein Preis, der eher die Seltenheit als die Qualität widerspiegelt.
Die Rioja braucht solche Extreme nicht, um sich Respekt zu verschaffen. Ihre Reputation ist über ein Jahrhundert Denominación-de-Origen-Geschichte gewachsen, nicht über einen einzelnen Auktionsrekord. Das ist der eigentliche Unterschied zwischen kurioser Einzigartigkeit und etablierter Weinkultur: Die eine überrascht einmal, die andere überzeugt immer wieder.
Was überzeugt dich mehr – das Ungewöhnliche, das man einmal erlebt haben muss, oder die Verlässlichkeit einer Region, die seit Jahrzehnten weiß, was sie tut?
Quellen: Los Angeles Times, The World's 50 Best Vineyards, Travel + Leisure Asia.
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